Apphilfe

Ich bin seit einigen Jahren weg vom Markt. Das ist nicht schlimm, aber durch eine Onlinewerbung sensibilisiert dachte ich, jetzt schaust du dir mal so eine Dating App an. Da kann ja eigentlich nix passieren. Zumindest mir nicht – als Mann. Also ein Profil angemeldet, sogar ein Foto reingestellt, sicher ist sicher, das sollte der Abschreckung genug sein. Ich will ja nur mal gucken, wie das denn so ist, in der schönen neuen Welt, der immerwährenden, weltweiten Erreichbarkeit.

Und siehe da, ich bekomme sofort Angebote. Konkrete. Russische, Ukrainische, Rumänische, …. von unfassbar jungen, wahnwitzig hübschen, überaus motivierten Damen. Die wollten mich. Alle. Unbedingt und jedenfalls. Ich hätte halt zahlen müssen. Wieviel weiß ich nicht. Ich war noch nie in einem einschlägigen Etablissement, aber falls die Fotos echt waren, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass es dort hübschere Damen zu bewasauchimmerwas gibt. Zudem werden auch recht unverblümt sämtliche Spielarten des horizontalen/vertikalen/hängenden/… Gewerbes feilgeboten. Dinge, von deren Existenz ich bis dato nichts wusste.

Aber, natürlich sind da auch andere. Teilweise bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es sich um eine Dating- oder um eine Tiervermittlungs-App handelt. Jede Dame über 35, die offenbar Single und auf der Suche ist, hat zumindest eine Katze, fast noch öfter einen Hund, meist beides und weit überdurchschnittlich häufig ein Pferd. Ohne vierbeinige Begleitung kommt die gestandene Singlefrau von heute offenbar nur ungern über die Runden. Was sich auch in den Begleittexten widerspiegelt, die jede Person unter dem eigenen Antlitz anfügen kann. Da steht ganz häufig und groß das Wort tierlieb bzw. sämtliche Derivate davon, und der beflügelte Satz, frau suche jemanden, mit dem man Pferde stehlen könne, ist ständig präsent. Zuerst hielt ich das für eine Metapher aber inzwischen bin ich überzeugt davon, dass der eigene Haustierbestand tatsächlich erweitert werden sollte. Pferde sind nun mal teuer. Wäre ich Tierfutterproduzent, ich versuchte hier Werbungen zu platzieren.

Ich konzentriere mich in weiterer Folge auf die Begleittexte. Schließlich ist es interessant, was sich Frau von heute so vorstellt. Die meisten schreiben nix und lassen stattdessen Bilder sprechen. Das ist schlau. Männer sind für optische Reize enorm empfänglich und können meist nicht so gut sinnerfassend lesen.

Ehrlichkeit. So gut wie alle wollen einen ehrlichen Mann. Natürlich wissen wir, dass es diesen weder gibt, noch Frau sich wirklich einen wünscht. Denn einer, der zuhause dauernd sagt, was er wirklich denkt, nö, nönönö, das wollen sie gar nicht, mit ehrlich meinen sie treu. Und damit das klar ist, kommt treu gleich als nächstes in der Wunschliste. Und Humor. Humor ist an der dritten Stelle. Dabei verstehen die meisten gar keinen Humor, zumindest meinen nicht. Ok, der ist auch etwas schwierig. Zugegeben. Dennoch sollten das Lachen und die Fähigkeit, sie dazu bringen zu können, elementarer Bestandteil des Mannes von heute sein. Vor allem aber suchen sie DEN EINEN. Und damit es zusammenpasst, wollen sie zudem DIE EINE sein, nicht generell, für ihn. Der Mann der Träume darf nur Augen und Ohren für sie haben und sollte sie bestenfalls auf Händen tragend durch die Landschaft schweben lassen. Ich sag das jetzt ungern, meine Damen, aber so jemanden gibt es nicht. Ist leider in unserem genetischen Programm nicht vorgesehen, aber wünschen kann man es sich ja. Damit allerdings noch nicht genug, es dürfen auch keine Altlasten vorhanden sein. Keine Altlasten also. Welche Altlasten? Kinder? Schulden? Verflossene Beziehungen? Ich weiß es nicht wirklich, kann allerdings nur empfehlen, ohne Altlasten als DER EINE mit Humor und treuer, ehrlicher Tierliebe in das neue Abenteuer zu gehen.

Wesentlich öfter wird allerdings verlautbart, was nicht erwünscht ist. Das fand ich anfangs etwas komisch. Ich gehe ja auch nicht in die Bäckerei und sage, ich möchte keine Semmel, kein Laugenstangerl, kein Baguette, kein…. Ist dann alles, was da nicht aufgeführt wird, in Ordnung? Ich weiß es nicht, dennoch führe ich nun taxativ die Top Five der definitiv nicht erwünschten Dinge auf:

  • Penisbilder
  • ONS
  • Freundschaft+
  • Affären
  • Schlechte/einfallslose/plumpe Anmache

Teile davon musste ich googlen, aber im Prinzip deckt sich das alles reziprok mit dem, was erwünscht ist. Konsistent würde ich da sagen. Ich denke, diese Negativaufzählungen sind Resultat des Frustes, der sich bei einer Frau mit längerer Mitgliedschaft in dieser App zwangsläufig aufstauen muss.

Nichtsdestotrotz gibt es – vereinzelt zwar aber doch – Damen, die offenbar nicht professionell sind, sondern einfach ihre Sexualität ausleben wollen. Auch hier musste ich des Öfteren Google konsultieren, um zu erkennen, auf was die Damen stehen. Von den anderen ausgehend möchte ich allerdings nicht wissen, wie’s bei denen im Posteingang zugeht – mein lieber Herr Gesangsverein!!

Und letztlich gibt es noch die Originellen. Das sind mir natürlich die liebsten. Hier ein paar Highlights ungekürzt und unzensuriert:

  • Done with dating sites. I’m now focusing on Pizza delivery guys, because at least I know they have a job, a car and Pizza.
  • Ich mag Nashörner, die sind wie Einhörner,… nur fetter.
  • Ab einem gewissen Alter besitzt Frau so viel Erfahrung, dass sie Männer nur noch ambulant und nie mehr stationär aufnimmt.
  • Ich lege Wert auf ein gepflegtes Inneres
  • Ich finde, es wird wieder einmal Zeit für ein Wunder.
  • Sueche en Maa zum hürate. (Schwitzerdütsch, da klingt alles cool)
  • Ich bin online, du bist online. Du schreibst nicht, ich schreibe nicht. Läuft bei uns.

Dies stellt eine gute Überleitung zum nächsten Thema her. Den Herzen. Herzen kann man verteilen und bekommen. Wenn beides zutrifft, befindet man sich in einem sogenannten Match. Mann/Frau darf sich dann schreiben. Chatten wie es heißt. Anfangs war ich extremst sparsam mit dem Herzenverteilen, um genau zu sein, ich verteilte keine. Aber dann erkannte ich, dass das gar nix heißt. Sein Herz jemandem schenken, bedeutet lediglich, die Person in eine Art Favoritenliste aufzunehmen. Die Dame mit dem letzten Highlight hat das ziemlich pointiert beschrieben, wie ich finde.

Und was das Chatten betrifft, diese moderne Art der Kommunikation, jung, unkompliziert und mit unzähligen Emojis, die mir allesamt kaum etwas sagen, gespickt, also was das betrifft, gelten hier ganz die alten Regeln der Balz. Das hat mich am meisten gewundert. Die Damen halten sich zurück und lassen die Herren der Schöpfung mal machen. Wie es eben immer schon war…

Womit wir mitten drin wären. Denn eines Tages passierte das nicht Erwartete. Ich erhalte also einen sogenannten Icebreaker, der – logisch – für das Brechen des Eises zuständig ist. Man kann den in begrenzter Zahl an jemanden schicken, von dem man offensichtlich wie unmissverständlich eine Antwort wünscht. Da war er nun, der Icebreaker.  Das Problem dabei: Er war ziemlich originell. ‚Ich bin zwar erst eine Stunde dabei hier, aber in dieser Zeit scheinst du mir der einzig halbwegs erträgliche Kandidat zu sein.‘ Na bei sowas kann ich natürlich nicht nichts sagen und so entwickelte sich mein erster Chat, der 20 Minuten und 5 Einträgen später wieder beendet war. Da hatte die Dame offensichtlich doch einen besseren Kandidaten gefunden. Das passt. Was mich allerdings erstaunte, ohne Abschied ohne nix wurde einfach alles beendet. Und das zieht sich durch, das heißt, wenn die Dame nicht mehr zu kommunizieren bereit ist, wird zusammenhangslos mitten drin abgebrochen. Das fand ich ziemlich komisch und gab mir zu denken, bis ich zu folgendem Schluss gekommen bin: Das ist für die Damenwelt der Hauptvorteil einer solchen App: Sie muss, wenn sie nicht mehr mag, das Gelaber des Typen nicht mehr ertragen und kann kommentarlos alles abbrechen. Das muss befreiend sein! In einer Bar, im Café geht sowas nicht. Leider.
Die Chatversierten hingegen verlieren keine Zeit. Smalltalk is nich. Da wird spätestens im 5. Kommentar eine sehr konkrete Frage gestellt. Wird diese ungenügend beantwortet. Abbruch. Sondierung ist das halbe Leben. Und ich, ja ich bin im unpassende Antworten geben relativ gut. Überdurchschnittlich gut sozusagen.  Generell kann aber folgendes festgestellt werden: Wenn eine Dame

  • für eine Antwort, trotz Onlinepräsenz, im Chat länger als 10 Minuten benötigt
  • nicht spätestens im verflixten 7. Kommentar eine für sie zentrale Frage stellt

ist sie nicht wirklich interessiert.

Wem verschenke ich nun ein Herz. Also ich verwende sie als Anerkennung. Wenn jemand besonders originell in Wort oder Bild ist, bekommt die Dame ein Herz geschenkt. Bei besonders großer Originalität gibt es sogar einen Icebreaker mit ein paar anerkennenden Worten oben drauf.

Was mich schon ein wenig berührt, zugegeben, ist, dass ein überwiegender Prozentsatz dieser Damen, sich in einem nicht übersehbaren Ausmaß relativ direkt nach meinem Herzverschenken aus der App gänzlich verabschieden. Aus selbstschutztechnischen Gründen schließe ich, dass jene sicherlich gleichzeitig von einem etwas offensiveren Kavalier ein vielzitiertes Penisbild erhalten haben müssen……

Wo wir nun beim letzten Themenbereich angelangt wären. Den Bildern. Da gibt es alle Spielarten. Von extrem professionell über kreativ bis unfassbar dilettantisch. Und natürlich falsche. Sehr beliebt ist die Anonymität, was ich verstehen kann. Und da hilft natürlich ein nettes Bildchen aus dem Internet. Es ist was es ist, sagt die Liebe und das gilt natürlich auch für die Fotos. Zwei Dinge sind dabei allerdings auffallend: Je südlicher die Dame wohnt, desto freizügiger werden die Bilder. So ab Verona kann man als Leie die herkömmlich suchenden von den professionellen Damen bildtechnisch quasi nicht mehr unterscheiden. Da scheint es kulturelle Unterschiede zu geben. Was allerdings grenzenlos beliebt ist, und ich habe keine Ahnung warum, ist das Ablichten der eigenen Beine. Ich habe keine Ahnung, was da dahintersteckt, aber weit über 50% fühlen sich bemüßigt, Teile oder die volle Pracht der unteren Extremitäten zu offenbaren. Warum auch immer! Vielleicht der Beweis, dass Mobilität gegeben ist? Ich weiß es nicht. Falls jemand eine Idee hat, ich wäre dankbar.

Abschließend noch zur App selbst. Naja, ich denke, die sind eh alle gleich bis ähnlich und offenbar von Männern für Männer gemacht. Bewundernswert also, dass überhaupt Damen anwesend sind. Das sieht man schon daran, dass zwar unbegrenzt Bilder hochgeladen werden können, aber nur 250 Zeichen Text. Einige behelfen sich damit, dass sie aus einem Text ein Bildchen machen und dieses hochladen. Weiß ehrlich nicht, ob ich mir das als Frau antun würde. Witzig finde ich, dass die App bereits abgelehnte Damen hartnäckigst immer wieder vorschlägt. Was soll der Quatsch? So schlecht ist mein Gedächtnis nun auch wieder nicht. Das nervt echt. Zusätzlich gibt es noch ein massives datenschutztechnisches Problem, zeigt die App doch stets den aktuellen Standort des/der Users/Userin an.

Alles in allem kann sowas nur als Zeitvertreib, Freizeitspass oder als Gelegenheit, ein paar Bekannte für diverse Aktivitäten finden zu können, verstanden werden. Zum Beispiel für den Salsakurs, der nächste Woche in Unterhaching beginnt, und zu dem noch dringend männliche Tanzpartner gesucht werden. Für wirkliche Beziehungen ohne Vorbelastung? Naja, ich weiß ja nicht….

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