Barthlä

Ich fahre Rad. (Aber das weißt du ja schon) So gesehen könnte man mich als Radfahrer bezeichnen, wenngleich ich diesen Terminus wahrlich nicht bevorzuge. Mein Fahrrad heißt Barthlä und ist kein es, sondern ein er. Eigentlich heißt er Batholomäus Conrad von Daheim über Hochtannberg zu Stilfser Joch, was mir allerdings für eine alltägliche Anrede wesentlich zu lange ist, daher kurz: Barthlä.
Barthlä ist mir ans Herz gewachsen. Wir vier sind eine Einheit. Er, sein Sattel, mein Arsch und ich. Ohne Barthlä radle ich eigentlich nirgends hin. Gar nirgends. Niemals. Doch jüngst war Barthle in höchster Gefahr! In aller höchster. Fast hätte ich ihn verloren. Für immer. Und diese Geschichte möchte ich dir heute erzählen. Ich nenne sie: Barthlä, oder wie ich lernte, mich über die Justiz zu wundern.
Unlängst fuhr ich gemeinsam mit Barthlä zu einem Termin und da er sich spontan entschieden hatte, diesen in letzter Minute sausen zu lassen, blieb er fein säuberlich an einen Laternenmast gekettet vor dem Haus lehnend zurück. Als ich einige Zeit später zu ihm zurückkehrte, traute ich meinen Augen nicht. Barthlä war … wie soll ich sagen … er war … nicht mehr alleine. Also, er war zwar noch da, genau dort, wo ich ihn abgestellt hatte, aber er hatte während meiner Abwesenheit Zuwachs bekommen. Zuwachs in Form eines riesenhaften rot-weiß-rot plombierten Kettenschlosses mit der Aufschrift: ‚BUNDESPOLIZEIDIREKTION‘. Mein Barthlä ist offensichtlich verhaftet worden. Ich rief erstaunt: ‚Jo Barthlä, was hast du denn bloß angestellt!?‘
Er schwieg und schaute mich nur traurig an. Also rief ich bei der Polizei an. Ein relativ freundlicher Beamter erklärte mir, dass eine Dame behaupte, mein Barthlä sei ihr gestohlenes Fahrrad, und dass der diensthabende Staatsanwalt bis zur Klärung der Sachlage die Beschlagnahmung Barthläs angeordnet habe. Mein Barthlä gestohlen?! Von mir!?! Einigermaßen erstaunt fragte ich den relativ freundlichen Beamten am anderen Ende, ob es denn eigentlich nicht so sei, dass eine Behauptung zuerst bewiesen werden müsse, bevor derart drastische Maßnahmen ergriffen würden, und wollte wissen, ob besagte Dame wohl eine Rechnung oder ähnliches vorgewiesen hätte. Er verneinte meine Frage und drückte ob der recht unorthodoxen Handlungsweise des Staatsanwaltes ebenfalls seine Verwunderung aus. Jedenfalls solle ich auf den zuständigen Posten kommen und mittels einschlägigen Dokumenten beweisen, dass Barthlä mein Barthlä sei. Nun ist es wohl an der Zeit, zur Darstellung meiner misslichen Lage, zumindest eine, besser noch zwei Dinge zu erwähnen:
1. Als Barthlä und ich beschlossen, eine Verbindung miteinander einzugehen, begann das damals gültige Kalenderjahr noch mit einer 19.
2. Und ich bin zwar einigermaßen halbwegs ordentlich, aber nach zwischenzeitlich drei bis vier Umzügen traute ich mir die Ausforschung einer Rechnung nicht wirklich zu.
Also fragte ich den erstaunlicherweise immer noch relativ freundlichen Beamten am anderen Ende, was es denn noch für Beweisalternativen gäbe, sollten die geforderten Dokumente gegebenenfalls nicht mehr vorrätig sein…. Und jetzt kommt’s:
Er meinte, eine Fotografie älteren Datums, auf der ich gemeinsam mit Barthlä abgelichtet und eindeutig zu identifizieren sei, wäre beispielsweise ein gültiges Beweisstück, oder eben vertrauenswürdige Personen mit einwandfreiem Leumund, die unsere Verbindung glaubhaft bezeugen könnten, wären auch durchaus denkbar. Allerdings nicht mehr jetzt, denn zwischenzeitlich sei der zuständige Staatsanwalt auf Grund der fortgeschrittenen – Freitag nachmittäglichen Stunde nach Hause gegangen, aber das alles lasse sich sicherlich am Montag klären. So musste ich also schweren Herzens Barthlä alleine zurücklassen, und war am Wochenende damit beschäftigt, mit Tränen in den Augen ein besonders schönes Foto von Barthlä und mir zu finden, in der Hoffnung, dass er und ich schon bald wieder vereint sein werden.
Als ich montags mit meinem Album am Polizeiposten vorstellig wurde, erhielt ich die lapidare Auskunft einer absolut unfreundlichen Beamtin, dass sich diese Dame als unglaubwürdig herausstellte, da sie in letzter Zeit mit ziemlicher Regelmäßigkeit auf verschiedenen Polizeiposten die unterschiedlichsten Fahrräder als die ihren bezeichnet und jeweils Anzeige erstattet hatte. Das plombierte Schloss sei inzwischen bereits entfernt worden und ich könne über meinen Barthlä wieder frei verfügen. Da die Erleichterung den Zorn verdrängte, ließ ich es auf sich beruhen, herzte meinen Barthlä und wir fuhren beseelt dem Wochenbeginn entgegen.

Ein komischer Nachgeschmack bleibt dennoch zurück.

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