blau

Heute habe ich blau gemacht. Das Wetter war ein Traum. Die Luft glasklar. Der Himmel tiefblau. Da dachte ich: Das kann ich auch. Also habe ich blau gemacht. Da habe ich mir die Zeit genommen, bin in den Gastgarten eines Cafes in der Fußgängerzone gegangen und habe mich an einen tollen Platz gesetzt. Ein Platz von dem aus ich alles bestens überblicken konnte. Die Zeit habe ich demonstrativ mitten auf den Tisch gelegt. Mit so einer Zeit auf dem Tisch, sieht das ganze gleich viel besser aus. Super wichtig und sehr intellektuell. Da denkt sich dann jeder gleich: Öh! Der hat die Zeit auf dem Tisch, da will ich mal nicht stören und mich schon gar nicht dazusetzen, obwohl das eigentlich der beste Platz des ganzen Gastgarten wäre. Aber mit der Zeit…. nö, lieber nicht. Die ist so dick und so groß und so intellektuell. Super wichtig. Ich mag die Zeit. Noch mehr mag ich es, Zeit zu haben, um mit der Zeit an einem traumhaften Tag im Gastgarten eines Fußgängerzonencafes am besten Platz zu sitzen. Und von Zeit zu Zeit gelingt mir das mit der Zeit sogar. Wäre schön wenn ich mehr Zeit hätte, aber alles geht eben nicht. Da saß ich nun, genoß in vollen Zügen meine Zeit mit der Zeit. Die Menschen schlenderten an mir vorbei. Ich schlürfte meinen Cappucci und ließ die Zeit auf mich wirken. Und als da die Mädels und Jungs in ihren zerrissenen Jeans, den Conversen und mit den großmotivigen T-Shirts an mir vorüberschlenderten, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der geilste und zugleich einfachste Job auf der Welt ist Modedesigner. Geil, weil man ständig und ununterbrochen von super hübschen, extrem jungen, wahnsinnig gut gelaunten Menschen umgeben ist, einfach, weil man nichts können muss. Nichts außer warten. Warten, das gebe ich zu, muss man können. Das schon. Warten ist beim erfolgreichen Modeschöpfen das wichtigste. Und zwar ziemlich genau dreißig Jahre. Dreißig Jahre lang sollte man schon warten können, aber wenn man das kann, ist man ein erfolgreicher Modeschöpfer. Man schöpft quasi die neueste Mode aus einem dreißig Jahre alten Versandhauskatalog heraus, und tut so, als hätte man das eben erst erfunden. Und das Beste ist: Die Mode wird für Menschen im Alter von 15 bis 30 Jahren gemacht. Und? Klingelt’s? Genial, oder? Die kennen das alte Zeug gar nicht! Haben es noch nie gesehen! Die glauben tatsächlich, dass die Höttl der hippste und neueste Schrei seien! Leider weiß man das alles als 15-30-jähriger natürlich nicht. Da denkt man: Boa! Modeschöpfer werden ist super schwierig und das können nur die besten und kreativsten Köpfe der Welt werden! Stimmt nicht!

Also: Falls du achtzehn oder neunzehn Jahre alt bist, kann ich dir nur raten: Werde Modedesigner! Gut, zugegeben, die ersten dreißig Jahre deiner Karriere musst du irgendwie überdauern, dir vielleicht mit diversen Nebenjobs über die Runden helfen, aber dann, wums, wirst du mit Hilfe eines alten Ottokataloges (den du natürlich so lange aufbewahren solltest) voll fett durch die Decke schießen. Nun denn, nimm dir die Zeit und genieße bis dahin die Zeit. Das öffnet Horizonte!

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