extra für alle unter 25 jährigen

Kurt ist fünf Jahre alt.
Eigentlich ist Kurt in Wirklichkeit erst vier, aber weil schon Juni ist, sagen alle Erwachsenen, er sei fünf. Kurt ist also fast fünf Jahre alt. Ganz fast. Kurt wünscht sich ein Fahrrad.
‚Aber du kannst doch Udos Fahrrad nehmen.‘, meint Papa. Kurt will Udos Fahrrad nicht. Udos Fahrrad ist alt und schon etwas ausgeleiert. An einigen Stellen ist sogar der Lack schon abgesplittert. Kurt will ein neues, ein eigenes Fahrrad, das nur ihm gehört und zwar seit immer schon. ‚Aber ein neues Fahrrad kann doch noch gar nicht fahren!‘, gibt Papa zu bedenken. ‚Was heißt das? Was meinst du damit?‘, fragt Kurt verunsichert. ‚Naja, Udo hat sein Fahrrad sehr mühsam eingefahren, ist oft hingefallen und musste mit seinem Fahrrad viel Geduld haben, bis es endlich brav war, und er mit ihm herumkurven konnte. Wenn du Udos Fahrrad nimmst, kannst du sofort losfahren und Spass haben.‘
‚Und mit einem neuen Fahrrad geht das nicht?‘, fragt Kurt ungläubig. ‚Natürlich nicht! Ein neues Fahrrad ist doch noch nie gefahren. Woher soll es denn wissen, wie das geht?‘
‚Hmmm‘, murrt Kurt. Er denkt nach. Seine Stirn legt sich in Falten. Sein Mund wird ganz schmal und seine Augen sind zusammengekniffen. Dann weitet sich sein Blick und er beginnt zu lächeln. ‚Aber ich könnte es ihm doch beibringen!‘, strahlt Kurt voller Überzeugung. ‚Willst du dir das wirklich antun? Natürlich kommt es auf das Fahrrad an, wie geschickt es ist, aber jedenfalls brauchst du viel Geduld und es dauert sicher zwei bis drei Wochen, bis du ihm das Fahrradfahren beigebracht hast.‘ meint Papa. ‚Das will ich! Das will ich!‘, ruft Kurt begeistert gleich zweimal. ‚Bist du sicher?‘, fragt Papa nach. ‚Ja, ich will mein eigenes Fahrrad einfahren und ihm selbst das Radfahren beibringen, ganz allein!‘, sprudelt die Begeisterung aus Kurt nur so heraus. ‚Gut, abgemacht,‘ sagt Papa, ‚dann sollst du dein eigenes Fahrrad zum Geburtstag bekommen.‘ Kurt jubelt und hüpft vergnügt durchs Zimmer.

Am nächsten Samstag ist es soweit. Kurt hat endlich Geburtstag und geht mit Mama und Papa zu Herrn Zambonin, dem schrulligen Besitzer des kleinen Fahrradladens am Ende der Strasse. Herr Zambonin hat ein furchtbares Durcheinander in seinem Geschäft. Große und kleine Fahrräder, Herren- Damen- Sport- und Freizeiträder verkeilen sich ineinander. Dazwischen – in den wenigen freien Räumen – stehen Fahrradpumpen, Werkzeug, Anhänger und Regenbekleidung herum. Kurt ist enttäuscht. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er findet kein einziges Kinderrad, das ihm gefällt. Herr Zambonin ist gerade dabei, ein von der Decke hängendes Mountainbike zu reparieren. Er steht mit dem Rücken zu Kurt und seinen Eltern, dreht sich in seine Arbeit vertieft erst gar nicht um und brummt in seinen grauen Bart: ‚Sie wünschen?‘ ‚Mein Sohn Kurt ist heute fünf Jahre alt geworden und möchte zu seinem Geburtstag ein nigelnagelneues Fahrrad, eines, das noch nicht fahren kann. Er will es nämlich selbst einfahren.‘, sagt Papa mit entschlossener Stimme und lächelt Kurt zu. Jetzt dreht sich Herr Zambonin um, hebt die linke Augenbraue kurz hoch und blickt Kurt sehr lange wortlos an. ‚Aha, ein ambitionierter junger Mann, was?‘ Herr Zambonin lächelt. ‚Wenn das so ist,‘ meint er dann, ‚müssen wir ein ganz besonderes Fahrrad für dich finden. So ein Fahrrad einzufahren ist nämlich nicht einfach, da müssen Rad und Fahrer perfekt zusammenpassen.‘ Kurts Herz beginnt laut zu pochen. Er kann vor Aufregung nichts sagen. Herr Zambonin dreht sich wieder um und beginnt in dem unübersichtlichen Haufen zu kramen. Dabei summt er vergnügt das Lied ‚Hänschen klein‘. Kurt versucht an Herrn Zambonin irgendwie vorbeizuschauen, um zu erkennen, was er da eigentlich macht. Plötzlich ruft Herr Zambonin: ‚Da ist es ja, das gute Stück!‘ Stolz präsentiert er Kurt ein kleines Fahrrad, teilweise blau, teilweise metallisch blank poliert. Und mit blauen Reifen! Auf dem Schutzblech ist ein Zähne fletschender Hai abgebildet und die Katzenaugen haben vorne wirklich die Form von echten Katzenaugen!! Kurt ist begeistert und ruft sofort: ‚Das will ich haben, bitte, bitte!‘ Doch dann sieht er, dass das Fahrrad gar keine Stützräder hat. Er wird unsicher. ‚Da sind ja gar keine Stützräder dran,‘ meint er und blickt seine Mama an. ‚Stützwas, Stützwer?‘ ruft Herr Zambonin empört. ‚Willst du ein Fahrrad einfahren, oder bist du ein kleines Mädchen?‘ schmettert er Kurt an. Mama scheint von der Reaktion Herrn Zambonins nicht besonders begeistert zu sein und Kurt weiß gar nicht, was er sagen soll. ‚Ich glaube auch, dass du es ohne Stützräder versuchen solltest‘, meint Papa ganz ruhig, ‚bei deinem Laufrad hast du doch auch keine.‘ Das leuchtet Kurt ein und das Fahrrad wird gekauft. Herr Zambonin hilft beim einladen und schenkt Kurt noch ein Fähnchen und einen kleinen Schraubenschlüssel dazu. ‚Viel Spass!‘, sagt er zu Kurt, dreht sich um und verschwindet wieder mit einem Liedchen auf den Lippen in seinem Laden.

Zuhause angekommen, will Kurt seinem neuen Fahrrad sofort das fahren beibringen. ‚Moment, junger Held!‘, ruft seine Mama, ‚zuerst wird das da aufgesetzt!‘ Und sie zieht hinter ihrem Rücken einen blauen Fahrradhelm mit silbernen Blitzen auf der Seite hervor. ‚Schließlich kann so ein junges Fahrrad recht bockig sein.‘, meint sie und lacht. Kurt setzt sich den Helm auf und springt auf das Rad. Er setzt seinen Fuß auf das rechte Pedal und drückt es nach unten. Und tatsächlich! Sobald sie losgefahren sind, beginnt das Rad wild zu schlingern und versucht Kurt abzuwerfen. Im letzten Moment kann Kurt anhalten und verhindert einen Sturz! Er kann es kaum fassen. Dieses Fahrrad kann ja wirklich nicht fahren. Papa hatte also doch recht! Der steht plötzlich hinter ihm und sagt: ‚Du musst versuchen, die Lenkstange ganz gerade zu halten. Du darfst dem Fahrrad nicht erlauben, in eine Richtung auszubrechen. Warte, ich helfe dir ein bisschen. Damit du dich besser auf die Lenkung konzentrieren kannst, halte ich dich ein wenig. Versuche dabei ganz rund und gleichmäßig in die Pedale zu treten, sodass das Fahrrad merkt, was du von ihm willst.‘ Gesagt – getan. Und es klappt! Mit der kleinen Hilfestellung von Papa funktioniert es gleich besser. Das Rad bleibt ganz ruhig und hält die Spur. Kurt ist begeistert! ‚So, ich lasse jetzt los, bleib ruhig und zeig‘ dem Fahrrad, wer der Chef ist!‘, ruft Papa Kurt zu. Er lässt los und Kurt fährt ganz alleine mit seinem Rad die Strasse entlang!! Von diesem Erfolg beflügelt bringt Kurt in den nächsten Tagen seinem Rad nach und nach das Losfahren, das Bremsen und das Absteigen bei. Bald schon fährt er mit seinem Fahrrad im Kreis und durch selbst aufgebaute Hindernisparkours. Dann darf Kurt mit seinem eigenen  Rad und Mama in die Stadt zum Einkaufen fahren. Alles funktioniert tadellos. Am Abend berichtet Kurt seinem Papa stolz, dass er sein Fahrrad erfolgreich eingefahren hat. Papa nimmt Kurt in den Arm und sagt: ‚Ich habe von Anfang an gewusst, dass du das schaffen wirst, bravo Kurt!‘ Von da an bringt Kurt seinem Fahrrad immer mehr Kunststücke bei. Die beiden werden ein richtig gutes Team. Als Kurt eines Abends sein Fahrrad im Schuppen verräumen will, entdeckt er in der Ecke Udos altes Rad. Kurt schnappt sich Udos Rad, setzt sich kurzerhand rauf und, und tatsächlich! Papa hatte Recht gehabt! Kurt fährt ohne die geringsten Probleme mit Udos Rad – fast genauso gut wie mit seinem eigenen. Und trotzdem. Auch wenn es einfacher gewesen wäre. Kurt ist froh, dass er sein eigenes Fahrrad selbst eingefahren hat. Wäre er mit Udos Fahrrad einfach so losgefahren, hätte er sehr viel Spass verpasst. Sehr zufrieden stellt Kurt Udos Fahrrad wieder zurück und hüpft vergnügt ins Haus.

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