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Präsidentenwahl in Österreich – Passt scho!

Österreich versucht seit Monaten vergeblich, einen Bundespräsidenten zu wählen – und Europa spottet und lacht. Dabei liegt im Hang zur Schlamperei der Charme des Landes.

Eine Verteidigung von Anja Melzer, Wien (a Dütschä)

Vielleicht hat Europa noch nicht genug gelacht, darum bitte schön, gleich noch einmal unser derzeitiger Lieblingsschmäh. Ruft einer bei der Wahlbehörde an: „Heans, das Kuvert, jö, des für den Bundespräsident, es pickt net zua!“ Antwort: „Des geht schon, pickan’ses mit Uhu zsamm.“ Leider schaute in diesem kurzen Moment das halbe Abendland hin, leider ist ein Aufruf zur Wahlmanipulation halt doch nicht ganz okay, leider hat Österreich jetzt eine Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung.

Bananenrepublik! #Uhugate! Würstelstand-Monarchie! Sacklpicker-Nation! (Österreichisch für einen Häftling, der Tüten kleben muss.) Nicht nur aus dem längst wahlkampfmüden felix Austria, sondern insbesondere aus dem Ausland kommen seitdem spöttische Auslacher. Die „Frankfurter Allgemeine“ schreibt, dass so etwas „in westlichen, reifen Demokratien“ ja eher selten vorkäme – womit sie sagen will: nie vorkommt. Außer im unterentwickelten Hinterland.

Mit Schlamperei funktioniert hier praktisch alles

Doch die Spötter übersehen etwas: Die österreichische Passt-scho-Mentalität, dieses liebenswürdig Schlampige, das allen Dingen innewohnt, die ein Österreicher anfasst, machen dieses Land aus. Es funktionieren damit Dinge, die andernorts unvorstellbar sind. Und genau wegen – und nicht trotz – dieses Hangs zur Ungenauigkeit, lieben wir Österreich. Die allgegenwärtigen Provisorien, das geseufzte „Mochma scho“, sind Österreichs wichtigstes Alleinstellungsmerkmal. Es gibt sie vom Kaffeehaus bis hinauf in die hohe Politik. (Manche behaupten ja, der Unterschied zwischen Kaffeehaus und Politik sei vernachlässigbar, aber das ist eine andere Geschichte.) Diese Manier hat natürlich einen eigenen Namen, der sie als genuin österreichisch deklariert: Man bezeichnet das als „Hintertürl“. Das Diminutiv ist essenziell. In Österreich gibt es immer ein Hintertürl, und wenn es keines gibt, woarten’s schnöll, bastelt man eines.

Eigentlich kann man das ja gar nicht glauben, ganz besonders nicht, wenn man Verzweiflungsstätten wie die Wiener Behörden kennt. Die Autorin dieser Zeilen kennt solche inzwischen sehr gut, sie ist nämlich „eingeösterreicherte“ Deutsche, eine Tatsache, die einen von Zeit zu Zeit einem Magistratsbeamten ausliefert. Und die sind linguistische Virtuosen, denn sie sagen: „Na, des geht net“, aber in Wirklichkeit meinen sie: „Des hamma immer scho so gmacht.“

Der Österreicher hat seine Regeln. Sehr viele Regeln. Aber: Er schlängelt sich auch gerne mal durch. Gründlichkeit gibt es vor allem auf dem Papier. Hinter jeder peniblen Norm steht immer das geliebte Hintertürl einen Spalt breit angelehnt. Um es mit Victor Adler, dem Urvater der alpenländischen Sozialdemokratie, zu sagen: „Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.“ Passt scho, wir kleben das. Was manchmal wie ein fürchterlicher, schwer erträglicher Schlendrian aussehen mag, ist in Wahrheit aber Ausdruck gelebter Flexibilität und kultivierter Gelassenheit. Und darum heißt diese anerkannte Vorgehensweise selbstredend „Österreichische Lösung“, hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und besteht meist in einem schnell überlegten Kompromiss, der dann praktischerweise immer gleich mehrere Jahrzehnte hält.

Hugo von Hofmannsthal unterteilte dereinst den Unterschied zwischen Österreichern und „Preußen“ in ein übersichtliches Schema. Während die einen „nach Vorschrift“ handelten, handelten die anderen „nach Schicklichkeit“, heißt es da. Na, jetzt raten Sie selbst.

Misserfolg wird in Österreich gerne positiv umgedeutet

Warum sollte das also bei einer Bundespräsidentenwahl anders sein? Der alte Hudri-Wudri hätte einen Uhu-Kleber in die Wahlkabine gelegt. Mehr als ein Bundespräsident, seien wir ehrlich, kann ja eigentlich nicht dabei rauskommen. Doch seit diesem Jahr wissen wir: Kann doch – nämlich kein Bundespräsident.

Bereits dem ersten Anlauf im Mai, der mit einem Gerade-noch-Sieg des Grünen Alexander Van der Bellen über den FPÖ-Mann Norbert Hofer endete, wurde eine dieser urösterreichischen Attitüden zum Verhängnis. Die unterlegene FPÖ focht das Ergebnis an – wegen Regelverstößen. Juristisch korrekt, nationalpsychologisch natürlich ein Skandal. Und der österreichischen Staatsgeschichte nicht würdig.

Nehmen wir zum Beispiel die Heiratspolitik der Habsburger. Durch eine geschickte Hintertürl-Strategie bauten sie sich ein Weltreich auf, in dem die Sonne nie unterging. Oder: Leopold Figl, erster Bundeskanzler der Zweiten Republik und Unterzeichner des Staatsvertrags! Insider behaupten, er habe die Alliierten bei einem Festbankett derart mit Alkohol abgefüllt, dass er ihnen unauffällig die Unabhängigkeit abrang. Gewitzt!

Und da soll nun tatsächlich ein geflickter Klebestreifen einen Bundespräsidenten verhindern, den am Ende das halbe Land sowieso nicht gewählt haben wird? Misserfolg wird in Österreich ja gerne positiv umgedeutet, man kennt das unter dem Terminus Córdoba-Syndrom, fragen Sie einen Österreicher, er wird es Ihnen erklären. Es hat, grob gesagt, mit Ego und so etwas wie „Fußball“ zu tun. Bei der EM 2016 schied das (daheim) hoch gefeierte Team sofort aus, in der Bundespräsidentenwahl spielt man dafür bis zum Finale. Mit Verlängerung.

Erfolg ist in Österreich aber auch immer ein bisschen Zufall, eine Wundertüte. Der TV-Komiker Christoph Grissemann erklärte einmal: „Wir verlassen uns auf das eventuell Geniale.“ Man weiß ja nie so ganz, was dabei am Ende herauskommt. Als Beweis folgender Witz, überliefert aus den Sechzigerjahren: Ein Wirtschaftswunder gab es doch nur in Österreich. Die Deutschen haben ja wirklich gearbeitet.

Österreicher sind Meister des Problemabschiebens. Übrigens auch des Aufschiebens, der neu-neue Wahltermin ist der 4. Dezember. Für die Volksseele ist die – Achtung – deutsche Fehlfabrikation der nicht klebenden Wahlkarten-Klebestreifen wohltuender Balsam, besonders, wenn die Häme aus dem Nachbarland an ihr nagt.

Aber vielleicht ist das mit den Witzen ja auch so etwas stereotyp Österreichisches: Der Österreicher selbst darf sein Land verspötteln, er macht es sogar recht gern und zudem sehr bissig. Aber wehe, ein Ausländer lacht mit. Dann ist sofort Schluss mit lustig.

Zur Autorin
Anja Melzer lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt dort für die „Wiener Zeitung“, „Die Furche“ und den „Standard“.

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