Herzliche Grüsse

Ich habe so meine Erfahrungen gemacht. Da packte mich die Neugierde. Wieder. Aufgestachelt durch die wenigen Chats als Mann wollte ich nun selbst eintauchen und wurde zur Frau. Im echten Leben geht das nicht so eins, zwei, drei, aber im Internet schon, da geht das. Sehr leicht sogar. Also meldete ich mich ein zweites Mal bei der Dating-App an.

Die Schwierigkeit lag nun darin, ein Profil zu erstellen. Welches Foto sollte ich nehmen? Ich wollte keinesfalls jemandem zu nahe treten. So entschied ich mich für den professionellen Weg und kaufte für 90 Cent eine Dame, besser gesagt deren Antlitz, bei Adobe Stock. Ordnung muss sein. Gut, sie sah – naja, also irgendwie sah sie schon gewollt, allerdings durchaus seriös aus. Aber unfair wollte ich auch nicht sein, daher unterlegte ich dem Foto folgende Information: ‚Symbolbild‘. Es war zwar recht klein geschrieben, aber für den aufmerksamen Beobachter gut leserlich. Die App ist so aufgebaut, dass man im Steckbrief den Wohnort eingeben kann, gleichzeitig wird allerdings direkt unter dem Profilbild der gegenwärtige Standort live angezeigt. Ich wohnte also in Wien, Vienna stand da unüberlesbar. Ansonsten ließ ich mich aber nicht lumpen. Abgesehen vom Symbolbild und dem Aufenthalt weit weg von Zuhaus’ gestaltete ich den Steckbrief recht ideal: Schlank, Akademikerin, keine Kinder, allein lebend, Nichtraucherin, interessiert an Bekanntschaften und Dates. 40 Jahre alt. Und als Freitext verwendete ich meinen in der App selbst gefundenen Lieblingssatz: „Ich lege Wert auf ein gepflegte Inneres.“

Ich heiße Mia. Mia geht um 22:00 Uhr online. Und es passiert nichts. Es wird Mia zu langweilig und sie schaut sich ein wenig um. Offenbar scheinen Männer, die ihre Zeit regelmäßig in Fitnesseinrichtungen zu verbringen belieben, recht oft Single und online auf der Suche zu sein. Also begutachtet Mia Waschbrettbäuche, Bizepse, Solarium gebräunte, sorgfältigst rasierte Haut. Tattoos. Vorzugsweise im Inneren eines Liftes fotografiert. Spiegel scheinen in Schönlings Wohnung offenbar Seltenheitswert zu genießen. Text gibt es kaum. Der Mann von heute lässt mich also im Unklaren, was er sucht und wer er ist. Das, liebe Freunde, ist jedenfalls ein Fehler. Aber nicht meiner. Eine Stunde später wird es mir zu langweilig und ich lasse es wieder. Ehrlich gesagt, ich hätte mir das ganze etwas spannender vorgestellt.

Der nächste Morgen. Ich aktiviere die App und siehe da, ich eroberte des Nächtens im Schlaf über 200 Herzen. Bum. Und obendrein vermeldet der Chat, dass da drei Icebreaker auf mich warten. Hi, Hallo, Du. Das war nicht der erste, nein, es sind alle drei!

  1. Hi
  2. Hallo
  3. Du

Ohne Satzzeichen. Hi, Hallo, Du? Jungs, seid ihr hirnhohl? Hi, Hallo, Du? Da fällt ja einer Meersau mehr ein! Vielleicht heißt sie deswegen so….
Ihr wollt aus der Masse herausstechen, wollt das Momentum auf eurer Seite, investiert einen Icebreaker und benutzt von 250 möglichen Zeichen ZWEI!?!? Im besten Fall 5? Welche Frau, die 200 Herzen in 7 Stunden im Schlaf erobert, wird durch Hi, Hallo, Du zu einer Antwort motiviert? Mia jedenfalls nicht. Also zu den Herzen. Wen haben wir denn da? Natürlich wieder Fitnesstypen in allen Varianten. Dazwischen Komplettproleten, Musiker, oder sagen wir, Männer, die ein Musikinstrument in der Hand halten und immerhin, der ein oder andere Normalo. Auch sehr beliebt: Mann sitzt im Auto. Keiner dabei, der meines Herzens würdig wäre. Ich schließe die App wieder.

Zweieinhalb Stunden und über 100 Herzen später: Zwei weitere Icebreaker. Der erste mokiert sich in gebrochenem Deutsch darüber, dass jemand, der so ‚mit Fabe gespachtel is wie du, nicht auf inneres stehn sollt.‘ Er ist 30, waschbebrettet im Gym abgelichtet und aus Bozen. Der zweite, siehe da, wünscht mir einen schönen Tag, findet mein Lächeln nett, mein Profil ansprechend, glaubt, dass ich eine interessante Persönlichkeit besäße und würde sich sehr freuen, mich kennen zu lernen. Wahnsinn, ganze Sätze und so, plus Zwinkersmiley. Und goldkettenbehangen sowie ca. 130 kg schwer inklusive Quetschkommode. Hmmm. Wieder raus.

Früher Nachmittag. Mehr als 400 Herzen, ein Icebreaker, ein sich schämender Smiley aus Rosenheim. Diesmal hat es nicht einmal für ein Hi, Hallo oder Du gereicht. Ich sehe mir die Herzenverteiler erst gar nicht mehr richtig an. Ein kurzer Drüberblick verrät mir aber, dass offenbar die Bergler wach und aktiv geworden sind. Skifahrer, Biker, Kletterer, Wanderer,… wollen mit mir gehen, wohin auch immer.

Später Nachmittag. Mein Konto ist inzwischen auf mehr als 600 Herzen angewachsen. Nur ein Icebreaker mit zwei Fragen: Was machst du hier? Wie lange bleibst du? Hey! Einer aus 600 mit einem IQ größer 80!! Einem einzigen ist es aufgefallen, dass ich eigentlich 500 km weit weg wohne! Einem! Ich hätte mich wahrscheinlich sofort verliebt, vergönnte er mir außer antiken Blumenvasen (?!?) zumindest ein Bildchen von sich. Laut eigenen Angaben war er zudem 52. Wieder nix.

Um 22:00 Uhr schließe ich mein Konto wieder. Nach 24 Stunden hat Mia das Experiment Frau beendet. Bilanz: 804 Herzen, 7 Icebreaker und jetzt kommt’s: 821 Ansichten. Achthunderteinundzwanzig Ansichten bringen mir achthundertundvier Herzen innerhalb eines Tages!?!? Das ist armselig, entlarvend und einfach nur peinlich. Ich nehme an, dass diese 17 Personen blumenvasenniveau und erkannt haben, dass ich schweineweit weg wohne, sonst hätten sie mir sicherlich auch ihr Herz geschenkt. Männer, wir sind solche Nasenlöcher. Zum Schämen, einfach zum Schämen.

Woher kamen nun die Herzen? Sie flogen mir von Neapel bis Hamburg, von Bern bis Bratislava zu. Der jüngste war 22, der älteste 58. Die Frau von heute sollte deren Ansicht nach Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Polnisch, Slowakisch, Kroatisch, Serbisch und/oder Tschechisch sprechen können oder zumindest fickbereitschaft zeigen, dann ist die Sprache wahrscheinlich wurscht, anders kann ich mir jedenfalls diese Sprachenvielfalt in meinem Posteingang kaum erklären, zumal ich lediglich Deutsch angegeben hatte.

Das bedeutet wohl, wir Männer wenden in einer Dating-App das unserem Wesen ureigenste Prinzip der Streuung ungeniert und schamlos an. Hier kann man so leicht wie nirgends sonst so viele potentielle Partnerinnen wie möglich erreichen. Also wird jede, die halbwegs entspricht und nicht bei drei hinter der Tonne hockt, geliked. Ist eine dumm genug zu antworten, wird man schon irgendwie zu ihr vor, wenn möglich in sie eindringen. Nach über 2 Millionen Jahren menschlicher Evolution haben wir Zipfelklatscher uns keine 2 Zentimeter weiterentwickelt. Bravo.

Jungs, eine Frau will erobert werden. Sie möchte etwas Besonderes sein. Sie will aus einem Meer von Blumen als einzige gepflückt werden. Gezielt und mit vollster Absicht. Trotz aller Emanzipation und Gleichberechtigung will sie umschmeichelt, umgarnt, gefunden werden. Geliebt. Vergöttert. Das geht nicht mit einem Hi, Hallo oder Du. Sie möchte wissen, wer du bist. Wofür du stehst. Mit wem sie sich da einlässt. Du musst dich öffnen. Keine Beschreibung – nichts von sich Preis geben – Jungs, das geht gar nicht. Die scheißen auf euer Waschbrett bis es zugeschissen ist. Zumindest die Vernünftigen tun das. Und die Mehrzahl der anwesenden Damen ist hier vernünftig. Warum? Ist doch klar! Eine Frau ohne Anspruch braucht keine Dating-App. Die geht daheim vor ihre Türe und findet eine sinnlose Type innerhalb weniger Schritte. Die App gibt ihr die Möglichkeit, genau zu sondieren, und das tut sie auch, ungeniert und gnadenlos.

Und wir Männer? Eine Dating-App offenbart die Schwächen des männlichen Seins ohne Skrupel. Ich weiß nicht, mit welchem Tool man die der Frauen dingfest machen kann, aber es scheint, dass sich Frauen, weil sie kleiner und schwächer sind, schneller weiterentwickeln mussten. Evolution nennt man das. Da sind wir Männer noch etwas hinten. Aber Vorsicht, man weiß ja, was mit einer Spezies passiert, die sich zu langsam anpasst, oder wie seht ihr das, liebe Dinosaurier? Wir Männer brauchen die Frauen, sie brauchen uns langfristig aber nicht.  Bienen, Ameisen, Wespen haben diesen Schritt schon gemacht, recht erfolgreich übrigens….

Ich als Frau jedenfalls, werde diese App nie wieder betreten.
Herzlichst Mia.

 

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