Junge, Junge

Neulich feierte der dreiundzwanzig jährige Spross meiner Nachbarn Geburtstag. Zuhause. Gegen 21:30 trotteten so nach und nach die Gäste ein. Die Jungs schienen allesamt eben aus der Muckibude entsprungen, trugen dichte, teils lange Bärte, hatten ein riesenhaftes Loch in zumindest einem Ohr und bedeckten ihre gestählten Bodies eher schlecht als recht mit mutmaßlich hyperteuren Sportlabels, die mir zugegebener Maßen absolut unbekannt waren. Die Mädels indes waren in tiefes Schwarz gehüllt, hatten Frisuren, die diese Bezeichnung kaum verdienten, teilweise zierte ein Tattoo die schneeweiße Haut, dazu knallig rote Lippen im Gesicht und ebengleich gefärbte Doc Martens an den Füßen. Beide, Mädels wie Jungs, waren unübersehbar bis auf die Zähne mit diversesten Produkten eines Elektronikkonzerns mit Hauptsitz in Cupertino/California bewaffnet.

Ich schloss die Fenster, legte meine Ohropax bereit und goss mir ein Gläschen feinen Rotwein ein. Nach einer Weile bemerkte ich verwundert, dass mein Fernseher so ziemlich die lauteste Schallquelle weit und breit war. Ich schaltete ihn aus und ging in den Hof. Dort versuchte gerade die Mutter des Geburtstagskindes, sich einen Weg zwischen den wild geparkten,  zumeist aus Deutschland stammenden, Edelkarossen zu bahnen. Wir unterhielten uns ein wenig.

Ich: Sag mal, laut ist es bei euch ja nicht gerade….

Sie: Nein, nein, die sind ganz harmlos. Sie saufen ja auch nix. Als ich den Kasi fragte, ob ich Bier oder Wein einkaufen solle, hat er mich angeschaut, als hätte ich neun Köpfe.

Ich: Ah. Soso. Und womit feiert nun der junge Mensch von heute?

Sie: Chai (Soja) Latte, Grüner Tee oder Bio Ingwer Limonade vom alternativen Lebensmittelmarkt. Manche trinken auch reines Hochquellwasser, das sie selbst vom Berg heruntergetragen und hierher mitgebracht haben.

Ich: Sojalatte, Hochquellwasser… auf einer Fete. Buletten oder Würstl grillen ist dann wohl auch nich‘, oder?

Sie: Spinnst du? Die meisten sind Veganer oder zumindest Vegetarier.

Ich: Und gefeiert wird … wie?

Sie: chillen, die Basis finden,… die meisten schweigen und/oder stellen irgendwelche Dinge mit ihren Smartphones an. Ein paar wenige unterhalten sich auch … in Zimmerlautstärke … hin und wieder.

Ich: Eh cool, und sehr nachbarschaftsfreundlich. Ich hab‘ meinen Fernseher ausgemacht, damit ich die Feier nicht störe…

Sie: Haha, sehr gut. Bist ein braver Nachbar, bis dann!

Ja, ich bin alt geworden. Mittlerweile kommen mir bereits 23-jährige wie außerirdische vor. Wesen von einem anderen Stern. Aber es macht Hoffnung. Die Jungs und Mädels von heute sind ruhig, aufgeräumt, selbstbewusst und haben offenbar unfassbar gut bezahlte Jobs, Nobelkarossen, Designerkleidung, Edelelektronik und dennoch genug Freizeit, den Body zu builden, ihre Mitte zu suchen und zu chillen. Beeindruckend. Sehr, sehr beeindruckend.

Ich gehe jetzt mal und versuche, meine Basis zu finden.

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