Position mit fester Anstellung

Leicht angespannter, vorweihnachtlich gestresster Mob tummelt sich vor der Fleischtheke in der Dorfmetzgerei.
Die Lage ist gereizt aber unter Kontrolle.
Eine kleine, etwas bucklige, mit fasanenfederbestücktem Lodenhut bedeckte alte – nicht ältere – alte Dame bugsiert sich ihren Spazierstock zu Hilfe nehmend bis zur Glasvitrine vor und schreit den Metzger alle anderen schrill übertönend, von unten über den Brillenrand hinweg stechend nach oben glotzend, die Nase weltrekordverdächtig rümpfend an:
«Haben sie einen Kalbskopf!?!»
Dabei klopft sie mit dem Stock gegen die Glasscheibe, was für eine jäh eintretende Stille sorgt.
Die Augen aller sind nun auf Hans, den Metzger, gerichtet.
Die Spannung darüber, wie er sich aus dieser höchst brenzligen Situation befreien wird, hält die Menge in Atem.
Man glaubt fast, nicht nur den eigenen sondern auch den Herzschlag des Mobnachbarn hören zu können.
«Willi!» ruft er nach hinten, «Die Dame will wissen, ob ich einen Kalbskopf hab‘!»
«Jetzt fehlt nur noch, dass sie frogt, ob außerdem no an Schweinebauch host!» tönt’s von hinten heraus.
«Schöne Frau, Kalbskopf hob‘ i kan, aber des seh’ns eh, hoffe ich zumindest. Doch was ich alles für sie hab‘, erkläre ich ihnen sehr gerne, wenn sie an der Reihe sind, nur a bisserl Geduld müssen’s no hab’n, es is eh‘ bald Weihnacht, gell?»

Da ich der einzige bin, der den Ernst der Lage völlig verkannt hat und lauthals lacht, tötet mich die Alte fast mit ihrem stechenden Blick und verlässt verächtlich grunzend den Laden. Erst als sich die elektrische Schiebetüre hinter ihr vollständig geschlossen hat und die Dame bereits mehrere Meter entfernt ist, beendet das allgemein ausbrechende Gelächter das eiserne Schweigen.

Es kann natürlich sein, dass ich falsch liege, aber ich bilde mir ein, dass der ein oder die andere mich sehr anerkennend, ja fast schon ehrerbietend anschaut, ungefähr so, als hätte ich soeben ein Heilmittel gegen Krebs gefunden. Aber die wahren Helden der Stunde sind natürlich zwei andere. Danke Hans und Willi. Ihr seid für mich Weihnachten!

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