rechtschaffen Recht schaffen

Ich hatte einen Unfall. Keine Bange, ist schon etwas länger her und es wurde niemand verletzt. Allerdings hatte mein Auto dabei direkten Blechkontakt mit einem kohlrabenschwarzen, rückwärts rollenden Volvo xc90 und sah danach aus, als wäre es in eine zünftige Tankstellenschlägerei verwickelt gewesen. Im Volvo saßen vier Touristen aus Holland. Nein, nein, die waren allesamt total nett! Ich wurde von zwei meiner Lieben begleitet und in unmittelbarer Nähe standen noch zwei weitere Personen, die zufällig direkt in unsere Richtung schauten. Die Sonne strahlte mit dem blauen Himmel um die Wette und die Gesamtsituation war übersichtlich und klar. Für jede und jeden von uns. Der Lenker des anderen Fahrzeugs sprang sofort aus selbigem und entschuldigte sich bei mir für das Missgeschick. Er habe mich schlicht übersehen, kann ja mal vorkommen. Seine Begleiter beurteilten den Hergang so wie er, mir und meinen Lieben erging es nicht anders. Zur Vorsicht befragten wir die beiden Passanten, die derselben Auffassung waren und die sich freundlicher Weise als Zeugen zur Verfügung stellten. Ein Unfallbericht wurde verfasst und unterfertigt, wir schüttelten uns die Hände, plapperten irgendwas von ‚war eh nur Blech, trotzdem schöne Ferien… etc. blabla….‘ und gingen unsere Wege.  Für’s Protokoll: Neun mündige, erwachsene Personen in Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, die allesamt den Hergang und Verlauf des Zusammenstoßes genau beobachtet und vor Ort beurteilt haben, kamen einhellig, voneinander unabhängig und zweifelsfrei zum selben Ergebnis. Auch die heimische Versicherung, der dieser Schadensfall gemeldet wurde und die für den ausländischen Partner die Abwicklung übernahm sowie deren bestellter Gutachter zogen keinerlei andere Schlüsse. Mein Autospengler erhielt somit von der ‚gegnerischen‘ Versicherung, wie es Amtsdeutsch heißt,  den Auftrag zur Reparatur mit voller Kostenübernahme. Soweit so gut.

Nachdem der Schaden längst behoben und ich die Sache schon vergessen hatte, kam eines schönen Tages ein lapidares Schreiben eben jener Versicherung ins Haus geflattert, indem zu lesen war, dass ihr holländischer Partner nur 50% des Betrages übernehme und ich den Rest selbst bezahlen müsse. Gelesen, geklagt. Siegessicher, sich im Recht fühlend.

Letzte Woche hat ein Richter entschieden, dass jede Partei zu 50% am Unfall schuld sei und bestätigte somit die Rechtsauffassung der niederländischen Versicherungsgesellschaft. Ein Richter, der selbst nicht dabei war, entscheidet über ein Jahr später bei einem hausverstandsmäßig glasklaren Fall, den sämtliche Personen, die im Gegensatz zu jenem sehr wohl zugegen waren, dass das in Wirklichkeit ja eigentlich ganz anders war. Hier geht es nur um repariertes Blech, daher nehme ich seine Entscheidung achselzuckend wie kopfschüttelnd zur Kenntnis, mir schaudert allerdings vor unserem Rechtssystem, sollte es wirklich mal um etwas Wichtiges, etwas Lebensentscheidendes gehen…. uuuuuuaaaaaaah! Und nochmal: Uuuuuuuuuaaaaah!

Vor einigen Jahren sagte zu mir einmal ein Anwalt, der sich auf Verkehrsrecht spezialisiert hatte, man solle jedenfalls auf seiner eigenen Unschuld wehement und stocksteif beharren, ganz egal wie handfest und klar der Unfallhergang auch gewesen sein möge und völlig ungeachtet dessen, wie viele Zeugen es gäbe. Dann habe man eine nahezu einhundertprozentige Chance, dass man ein maximal fünfzigprozentiges Mitverschulden zugesprochen bekäme. Damals hielt ich den Kerl für verrückt. Heute nicht mehr.

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