Stammtisch

Der Stammtisch, unendliche Meinungsvielfalt. Hort der Gerüchte, des Wissens, der Verschwörungstheorien. Quell der Wahrheit, der Weisheit, des Volkes Stimme. Ventil für Unmut, Frust und Ohnmacht. Treffpunkt, Ort der Begegnung, des Sozialkontaktes, der Geborgenheit. Diskussionsforum, Debattierklub, Streit und Versöhnung in einem. Lachen, singen, schimpfen, schreien, erzählen, zuhören, essen, trinken, leben. Philosophen, Prediger, Tenöre, Therapeuten, Politiker, Wissenschaftler, Propheten, Lehrer, Märchenerzähler, Problemlöser, Entertainer und Hochstapler geben sich die Ehre. Der Stammtisch, unzensiertes Paradies für jedermann und jedefrau, für uns alle. Und all das gibt es beim Wirt’n um die Ecke.

Besser gesagt, gab es um die Ecke. Das Gute daran war, der Stammtisch bot genau jene hoch notwendige Projektionsfläche für all die Wichtigtuer und Besserwisser, die sie für ihre Psychohygiene dringend brauchten. Dort konnten sie den ideologischen Sondermüll für die Gesellschaft unspektakulär und in engen lokalen Schranken loswerden.

Heute heißt der Stammtisch Twitter, Facebook, Google+ oder WhatsApp. Funktion und Prinzip sind gleich geblieben, allerdings hat der Stammtisch plötzlich globale Dimensionen angenommen. Man schreit nicht mehr beim Bierchen mit seinen Kumpanen herum, sondern gründet einen Hashtag und alle Welt grölt mit. Die meisten wissen wahrscheinlich nicht einmal so ganz genau, worum es überhaupt geht, aber Hauptsache zur Vorsicht mal draufhauen und Senf zugeben. Und plötzlich sehen sich völlig Unbedarfte einem Shitstorm gegenüber. Das alles wäre ja nur halb so schlimm, wenn wir in einer Welt lebten, die Qualität über Quantität stellte, leben wir aber nicht, und deshalb wird diesem Gedöns plötzlich eine Aufmerksamkeit geschenkt, die komplett an aller Relevanz vorbei galoppiert.

Da haben wir es wieder, das alte Problem, dass unser kleines Hirnchen mit unseren sich schnell entwickelnden technischen Möglichkeiten nicht Schritt halten kann. Also Kinder, weg vom Gas, ein paar Gänge zurückschalten und ein wenig auf die Bremse treten. Mehr selber denken und weniger vordenken lassen und einfach wieder mal beim Wirt’n um die Ecke vorbeischauen. Prost!

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