zugleich

Die Menschheit existiert seit rund 2,5 Millionen Jahren. Die meiste Zeit davon sind die Humanoiden herumgerannt und haben zu überleben versucht. Die Kommunikation war einfach und direkt. Millionen Jahre lang. Und da es anfangs nur wenige Worte gab, wir Menschen aber immer schon in Herden und Rudeln lebten, lernten wir die Gestik, die Mimik, die Regungen und Verfärbungen, alle Zeichen des Körpers zu deuten. So ist bis heute die nonverbale Kommunikation unbestritten die aller wichtigste. Mit Abstand. Und obwohl wir schon seit Anbeginn unseres Seins miteinander kommunizieren, wenngleich wir jedes noch so kleine Zeichen unseres Körpers deuten und interpretieren, ist unser Miteinander geprägt von Missverständnissen, was allzu oft zu einem Gegeneinander führt. Sich zu verstehen, zu begreifen was der andere will, war immer schon schwierig, da jeder in seiner Wirklichkeit und nicht in der des Gegenübers lebt.

Irgendwann, so vor 5, 6000 Jahren begannen wir zu schreiben. Also nicht wir, aber die, die damals lebten. Vereinzelt und sporadisch, auf Steinen, Wachs- und Tontafeln, auf Pergament. Viel später, unzählige Kämpfe und Kriege später, so um 1600 wurden Schulpflicht und das kommerzielle Postwesen eingeführt. So gesehen kommuniziert die Menschheit im größeren Stile seit gut 400 Jahren auch schriftlich miteinander.
1988 erfand der finnische Student Jarkko Oikarinen den Chat. Es dauerte aber noch gut 10 Jahre, bis diese schnelle schriftliche Form der Kommunikation von vielen Menschen genutzt wurde. Seit 20 Jahren chatten wir also. Wir schicken uns Worte, Gesichter und Scheißhäufchen. Kurzum, es steht 20 : 2 500 000 zwischen Chat und direkt miteinander reden. Ziemlich eindeutig würde ich sagen.

Zwei Menschen begegnen sich im virtuellen Raum. Zufällig, unverfänglich, locker, gelöst. Beide sind gut drauf und plaudern virtuell miteinander. Sie kennen sich nicht. Haben sich noch nie zuvor gesehen. Es wird gescherzt, gehänselt, gelacht. Wahrscheinlich sogar laut. Man ist auf derselben Wellenlänge. Die Unterhaltung zieht sich über Stunden. Man kommt sich näher, macht sich ein Bild, ein eigenes Bild. Jeder der beiden zimmert sich im Laufe der Unterhaltung seine Version des virtuellen Gegenübers zusammen. Und wird kein einziges Mal korrigiert. Kein einziges Mal. Nie. Während man schreibt, sieht man nicht, was das Gegenüber macht, wie es ihm geht, was es tut, nichts. Die Antworten, die man erhält, werden durch nichts begleitet. Der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt. Jeder manifestiert so das gezeichnete Bild und bei guter Stimmung ist man dann noch verleitet, alles zu den eigenen Gunsten zu interpretieren. Solange es oberflächlich und allgemein bleibt, bleibt alles gut.

Und plötzlich, ohne Vorwarnung kommt ein Satz, eine Bemerkung, eine Aktion, die das so schön gemalte Bild bröckeln lässt. Etwas, das so gar nicht als neues Mosaiksteinchen dienen will, eines was überhaupt nicht passt. Gar kein bisschen nicht. Und viel schneller als im wirklichen Leben, zerrinnt das Gemälde und übrig bleibt die unendliche Enttäuschung darüber, seine Zeit mit dem Malen einer nicht existierenden Szenerie sinnlos vergeudet zu haben. Jene darüber, dass man mehr gegeben als erhalten hat, manifestiert sich. Dass man vielleicht sogar zu viel offenbart hat. Einem Fremden. Plötzlich kommt hoch, dass man diesen Fremden als Freund sah. Peinlich. Unangenehm. Angst.

Dann will man raus, schnell und unverblümt. Das ist Fluch und Segen des Chat. Man kann sich innerhalb weniger Augenblicke unendlich entfernen und nie wieder zurückkehren. Es gibt keine zweite Chance. Aus. So ist er, der Chat. Nur, so sind nicht wir. Dem Chat ist das egal. Uns nicht.

Fluch und Segen.

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