und? nix!

Nach über zwei Stunden Anstehen saß ich gemeinsam mit einem lieben Freund im Keller der Universitätsbibliothek und wir glotzten erwartungsschwanger in den 14-Zoll Bildschirm eines PC’s.
Es war das Jahr 1993, als ich mit glitzernden Augen unter Zuhilfenahme einer laut klackenden Bull-Tastatur folgende Zeichenkombination eintippte: www.derstandard.at

und… und… UND… … … … … … … nichts.

Es passierte nichts. Absolut gar nichts. Zehn endlose Minuten lang starrten wir in gähnendes Nichts. Aber dann, ganz zögerlich, fast schüchtern begann sich die sehr, sehr überschaubare Homepage der rosaroten Zeitung aufzubauen. Ein Foto, eine Schlagzeile, ein paar Absätzchen Text – fertig. Scrollen erwies sich als aussichtsloses Unterfangen. Lange Gesichter. Ratlosigkeit breitete sich aus. Wir starteten einen zweiten Versuch: www.nytimes.com
Das war die andere Adresse, die wir noch kannten. Und? Nichts. Noch weniger als zuvor. Absturz. Aus.
‚Das wird nie was, so ein Stumpf, gemma.‘ Sprach’s aus mir und wir gingen.

Heute, über 20 Jahre danach ist jedenfalls klar: Ich bin weder Visionär noch Prophet, aber auch nicht zu stolz, genau dies unverblümt zuzugeben. Da ich offenkundig nicht in der Lage bin, Zukünftiges einschätzen zu können, so möchte ich mich zumindest darin versuchen, das Vergangene zu beleuchten und erörtere hiermit die Frage: Was hat uns das Internet eigentlich gebracht?

Sex. Sex für alle, Sex im Überfluss und Sex zu jeder Zeit. Pornographie wurde gesellschaftsfähig. Davon kann man nun halten was man will, ich frage mich nur, weshalb die männlichen Darsteller dieser Streams immer so putzige Pimmelchen haben. Mich würde mal eine Bumserei durch einen richtigen Typen interessieren, der einen stattlichen Schwanz sein Eigen nennt, aber: Fehlanzeige, nur Piepmatze.

Information. Information im Übermaß. Mehr Information als irgendjemand oder -etwas jemals verarbeiten kann. Das hat uns verändert. Sitzt man heute im Wirtshaus und erzählt eine Geschichte, dann zücken sofort alle ihre Smartphones. Die einen überprüfen via Wikipedia, Google oder sonst irgendwie das Erzählte auf dessen Wahrheitsgehalt, die anderen nutzen die günstige Gelegenheit um zu whatsappen, zu facebooken, zu tindern oder zumindest ihre Mails zu checken.

Damit eng verknüpft: Informationsfreiheit. Fluch und Segen gleichermaßen. Einerseits können unterdrückte Menschen und Bevölkerungsgruppen ihre Version der Wahrheit wesentlich leichter verbreiten – ja ganze Revolutionen wurden dadurch bereits ermöglicht. Zensur durch die Mächtigen ist wesentlich schwieriger geworden. Andererseits wird natürlich auch jeder noch so dämliche Stumpfblöd ungefiltert verbreitet (so wie dieser Blog, übrigens).
Selber denken ist wichtiger denn je. Gerade das ist aber irgendwie verloren gegangen…..konsumieren ist halt so bequem. Vorgefertigte Meinungen, galant ausformulierte Merksätze oder fix verpackte Ideologien sind eben sehr angenehm zu verwenden.

Einkaufen. Ein Wahnsinn. Alles, absolut alles kann eingekauft werden. Vom Sofa aus!! Aber halt, nicht so schnell! Zuerst Testberichte lesen! Testberichte, der Tod ein jeder Einkaufsfreude. Da werden Funktionen und Eigenschaften eines Produktes, von denen ich nicht einmal ahnte, dass es diese überhaupt gibt, derart erbarmungslos niedergemacht, dass jegliche Konsumfreude bereits im Keime erstickt wird. Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der man aus Mangel an Alternativen einfach zum lokalen Fachhändler pilgerte. Dieser hatte ein billiges, ein mittleres und ein teures Produkt in der Auslage. Je nach Geldbeutel oder Opferbereitschaft entschied man sich nach einer Lifedemo für eines der drei und war unfassbar glücklich damit. Heute gibt es allein von einem einzigen Digitalkamerahersteller 793 verschieden Modelle, die um meine Gunst buhlen, Katastrophe!!!!

Natürlich gibt es noch so viel mehr, was das Internet uns gebracht hat:

  • Cyberterrorismus
  • lückenlose Überwachung
  • Verlust des Datenschutzes und der Individualität
  • uneingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten
  • Youtube
  • Icecubeschwachscheiß
  • Selfies
  • Planking
  • undsoweiterundsoweiterundsoweiterundsoweiterundsoweiter

Und vor allem eines noch. Etwas, was für mich als alleinige Rechtfertigung für die Existenz des Internets ausreichen würde. Etwas, das meinen Alltag um so vieles besser und lebenswerter machte. Etwas, das ich mehr schätze, als alles andere, was das Netz jemals hervorbrachte:
Ich muss – Dank des Internets – fast nie mehr anstehen. Oh Mann! Was mussten wir früher anstehen! Sinnloseste, unfassbar nervige Warteschlangen bestimmten unser Leben! Was für eine Zeitverschwendung! Anstehen für Anmeldungen, Abmeldungen, Fahrkarten, Jahreskarten, Saisonkarten, in Postämtern, an Bankschaltern, Finanz- und Standesämtern, bei der Bezirkshauptmannschaft, beim Stadtmagistrat, für Kino- Theater- Konzertkarten, bei Infoschaltern, am Checkin, für absolut jeden Scheißdreck musste man früher ewig lange anstehen. Anstehen, anstehen, anstehen und nochmals anstehen. Furchtbar!

Danke, liebes Internet.

Selbst um dich nutzen zu können, muss ich heute nicht mehr anstehen.

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